Enzo Santarsiero: «Bei vielen wichtigen Entwicklungen geht es nicht mehr allein um das Handwerk, sondern um Logistik, Organisation, Fortbildung oder Marketing.»
Enzo Santarsiero: «Bei vielen wichtigen Entwicklungen geht es nicht mehr allein um das Handwerk, sondern um Logistik, Organisation, Fortbildung oder Marketing.»

«Corona hat viele Entwicklungen enorm beschleunigt»

Was tut sich in der Branche? Was sind die aktuellen Lacktrends? Was hat sich durch Corona verändert? Und welche dieser Änderungen werden auch in Zukunft Bestand haben? Darüber spricht Enzo Santarsiero, CEO der André Koch AG, in einem  Interview in der März-Ausgabe des Fachmagazins «AUTO&Carrosserie».

 

A&C: Herr Santarsiero, was sind für Sie die wichtigsten aktuellen Lacktrends?

 

Enzo Santarsiero: Man kann diese Frage nicht mehr allein auf den Bereich Lack beschränken. Bei vielen wichtigen Entwicklungen – die teilweise durch die Corona-Situation beschleunigt wurden – geht es nicht mehr nur um das Handwerk, sondern um allgemein betriebliche Belange, zum Beispiel Logistik, Organisation, Fortbildung oder Marketing. Was hier passiert, wirkt sich auf das ganze Unternehmen aus, auch auf den handwerklichen Part in einer Carrosserie oder einem Spritzwerk. Das ist inzwischen alles miteinander verbunden.

 

A&C: Bitte erkläre Sie das näher ...

 

Enzo Santarsiero: … nehmen Sie beispielsweise das Thema Produktivität, das alle Unternehmensbereiche gleichermassen betrifft. Es empfiehlt sich, Arbeitsprozesse nicht vereinzelt, sondern ganzheitlich zu betrachten. Die Digitalisierung bietet viele neue Möglichkeiten, schneller, strukturierter und effektiver zu arbeiten. Moderne integrierte Werkstattsysteme machen es heute möglich, einen Auftrag von der Auftragsannahme und Schadenskalkulation über die Ausführung bis zur Auslieferung des Fahrzeugs und die Abrechnung mit der Versicherung anzulegen, abzuarbeiten und zu dokumentieren. Und es gilt natürlich last but not least auch im handwerklichen Bereich, denken Sie nur an die Möglichkeiten der digitalen Farbtonmessgeräte. All diese Bereiche lassen sich durch intelligente Systeme miteinander verbinden. Der vernetzte Betrieb ist keine Zukunftsvision mehr, sondern lässt sich bereits heute realisieren.

 

A&C: Was sind für Sie im engeren Bereich Lack und Lackprodukte die wichtigsten Trends?

 

Enzo Santarsiero: Ein aktuelles Thema sind die schnelltrocknenden Lacke und Füller. Sie haben grossen Einfluss auf Arbeitsprozesse, denn je nach Einsatz lassen sich mit ihnen viel Zeit und/oder Energie sparen. Das macht sich auf Anhieb für die Betriebe bezahlt. Standox hat mit dem Xtreme-Plus-Klarlack im letzten Jahr ein weiteres solches Produkt aus seiner Xtreme-Reihe auf den Markt gebracht. Der Vorteil: Beim Einsatz dieses Klarlacks muss der Basislack darunter nicht mehr gehärtet werden. Das macht die Anwendung noch einfacher und schneller. Lesonal hat den neuen Klarlack Lesonal 2K Ultra Air Clear für die Lufttrocknung entwickelt. Er bietet absolute Flexibilität. Egal ob der Lackierer sich für eine schnelle Lufttrocknung in 45 Minuten oder in bestimmten Fällen für die Ofentrocknung bei 60 °C entscheidet – der Reparaturprozess bietet ein perfektes Ergebnis. Mit solchen Produkten lässt sich «One-Day-Repair», also die Reparatur auch aufwendigerer Schäden binnen eines Tages, umsetzen.

 

A&C: Wo sehen Sie weitere Schwerpunkte?

 

Enzo Santarsiero: Ebenfalls wichtig bleibt das Thema Spot Repair. Statistiken zeigen: Die Gesamtzahl der Autounfälle sinkt – doch das gilt nicht für die kleinen kosmetischen Schäden, beispielsweise durch Steinschlag oder Parkrempler. Sie blieben früher oft unbehandelt, weil Aufwand und Kosten zu hoch waren. Doch mittlerweile bieten die Lackhersteller viele praktische Tools und Produkte an, die sich einfacher und kostengünstiger verarbeiten lassen, zum Beispiel Lacke und Füller in Spraydosen. Carrosserien und Spritzwerke sollten diesen Markt im Auge behalten – das ist ein Geschäft, das weiter an Bedeutung gewinnen wird.

 

A&C: Welche weiteren Trends sehen Sie in der Branche?

 

Enzo Santarsiero: Corona hat viele Entwicklungen enorm beschleunigt, vor allem im eminent wichtigen Bereich Fortbildung. Präsenzveranstaltungen waren über Monate nicht möglich, stattdessen haben sich viele Betriebe, sowohl Anbieter als auch Nutzer, nach Online-Alternativen umgeschaut – und sind fündig geworden. Manches davon stand bereits lange vor dem Corona-Ausbruch im Web, wurde aber nur sporadisch genutzt. Doch ich denke, dass einiges, was neu eingeführt oder entdeckt wurde, auch nach der Corona-Zeit bleiben wird. Natürlich freuen wir uns, wenn irgendwann – hoffentlich bald! – Lackierseminare wieder live stattfinden können. Sie sind gerade bei praktischen Themen, etwa Lackierseminaren, unverzichtbar. Aber ich denke, dass viele Betriebe bei der Online-Fortbildung auf den Geschmack gekommen sind. Und für manche Themen ist das eine echte Alternative oder zumindest eine prima Ergänzung.

 

A&C: Vielen Dank für dieses Gespräch.

 

Das Interview führte Mario Borri.