Enzo Santarsiero (56), CEO André Koch AG
Enzo Santarsiero (56), CEO André Koch AG

Interview: "Ich habe Lack im Blut"

Das Interview mit Enzo Santarsiero haben wir mit freundlicher Genehmigung aus Carwing übernommen.

 

Ich möchte unser Gespräch mit der Ist-Situation beginnen. Muss man in Ihrer heutigen Position als CEO der André Koch AG gelernter Carrosserielackierer sein?

Enzo Santarsiero: Nein, das ist kein Muss, die meisten CEOs von Lacklieferanten sind keine ehemaligen Lackierer. Allerdings (schmunzelt) schadet es auf jeden Fall nicht. Mir persönlich hilft es täglich, denn ich verstehe die Sprache der Carrossiers. Ja, ich bin einer von Ihnen.

 

Welche sind die drei wichtigsten Eigenschaften, die man mitbringen muss, um in Ihrer Tätigkeit erfolgreich zu sein?

Enzo Santarsiero: Leidenschaft, Ehrgeiz – und einen starken Willen zur stetigen Weiterbildung.

 

Blenden wir in Ihre beruflichen Anfangsjahre zurück. Sie haben nach der Lehre ab 1984 rund fünf Jahre lang im zürcherischen Pfäffikon und in Wädenswil auf dem Beruf gearbeitet. Wie war diese Zeit für Sie?

Enzo Santarsiero: Sie hat mich geprägt. Ich bin heute überzeugter denn je, dass eine Lehre eine wichtige und weiterhelfende Lebensschule ist. In der Schweiz haben wir – im Vergleich zum Ausland – einen wesentlichen Vorteil: Wir können eine Lehrzeit absolvieren. Das ist eine der tragenden Säulen der Schweiz. Ich bin sehr dankbar, diesen Weg zurückgelegt zu haben.

 

Aber nach fünf Jahren hatten Sie endgültig genug von der Werkstatt?

Enzo Santarsiero: Mein unbändiger Wille (lacht) nach mehr Wissen hat mich während der Ausbildung zur Meisterprüfung dazu bewogen, eine neue Herausforderung als Techniker und Ausbildner anzunehmen. Hier durfte ich mein Wissen einerseits weitergeben und andererseits weiterentwickeln.

 

Wie ist das heute? Arbeiten Sie noch viel in der Lackiererei? Wie gut sind Sie noch?

Enzo Santarsiero: Ich habe noch Lack im Blut. Es kommt auch vor, dies zur Überraschung meiner Mitarbeiter, dass ich selbst die Spritzpistole in die Hand nehme. Damit möchte ich mich vergewissern, was geht und was nicht. Denn gelernt ist gelernt – und bleibt es grösstenteils. Als Verantwortlicher einer Unternehmung mit über 60 Mitarbeitenden fokussiert sich mein Alltag jedoch auf die Personalführung, das Erkennen der Kundenbedürfnisse, die Weiterentwicklung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und darauf, mit den Veränderungen im Markt Schritt zu halten. An meiner Seite habe ich ein professionelles Team, dem ich vertraue. Lack und Technik liegt mir sehr am Herzen, das ist unter anderem der Grund dafür, dass ich die Technik noch selbst leite.

 

1989 haben Sie die Lackierabteilung in Wädenswil gegen ein Büro in Wetzikon eingetauscht. Haben Sie sich beworben?

Enzo Santarsiero: Ja, eigentlich ganz einfach. Ich meldete mich bei der Graf Lack AG auf ein Stelleninserat, in dem ein Anwendungstechniker und Schulungsleiter gesucht wurde.

 

Ich weiss natürlich, dass Büro nicht der richtige Ausdruck ist. Eigentlich war es ein Schulzimmer bei der Graf Lack AG, wo Sie bis 1995 im erwähnten Bereich tätig waren. Ist es immer eines Ihrer Ziele gewesen, als Lehrperson Wissen zu vermitteln?

Enzo Santarsiero: Es war auf jeden Fall etwas, was ich sehr gerne tat. In dieser Zeit war ich, wie bereits erwähnt, sehr wissenshungrig. Ich wollte das Gelernte weitergeben. Aber ich hatte auch das Glück, Peter Graf zu kennen, seinerzeit ein Lacktechniker mit grossem Knowhow. Zudem besass ich Zugang zum Labor von Akzo Nobel mit seinen tollen Lack-Chemikern. Da konnte ich mein Fachwissen mit der Praxis abstimmen.

 

Es macht den Anschein, als wären Sie in der Firma Graf Lack AG stark gefördert worden. 1995 stiegen Sie nämlich zum «Leiter Technik & Schulung» und Prokuristen auf, 1999 wurden Sie «Leiter Verkauf & Marketing».

Enzo Santarsiero: Mein Wunsch war es, mehr in meine persönliche Weiterbildung und Persönlichkeit zu investieren. Die damalige Graf Lack AG gab mir die Möglichkeit dazu – und glaubte an meine Fähigkeiten. Das motivierte mich, mehr Verantwortung zu übernehmen. Das Umsetzen und Dranbleiben, das muss man jedoch selber machen. Auch wenn mal nicht alles wie geplant läuft, darf man nicht aufgeben. Aber das muss zuerst gelernt sein. Ich habe dort viel gelernt, die Kombination zwischen persönlicher Weiterbildung und direkte Markterfahrung war einmalig.

 

Ich habe ein wenig recherchiert und folgendes über Sie herausgefunden: Nach der Ernennung zum eidgenössisch diplomierten Lackierermeister im Jahre 1990 folgte 1993 die Ausbildung zum Technischen Kaufmann, dann die Verkaufsmanagement-Ausbildung an der FHS Universität St. Gallen sowie viele weitere Kurse und Seminare. Das alles sieht nach einer detaillierten Karriereplanung aus. Wussten Sie damals tatsächlich schon, wohin der Berufsweg Sie führen soll?

Enzo Santarsiero: Nein, sicher nicht. Ich wollte einfach meiner Unternehmung dienen und das Gelernte umsetzen. Aber das beweist doch, dass ein Handwerker, der sich laufend weiterbildet, Top-Chancen bekommt in unserer Branche. Ich kenne viele Kollegen, die haben heute interessante Jobs, viele davon sind auch Unternehmer. Auf jeden Fall kenne ich niemanden, der arbeitslos ist (lacht).

 

Sie sprechen und schreiben neben Deutsch auch perfekt Englisch, Französisch und Italienisch. Zählte das früh zu Ihrer Karriereplanung oder haben Ihnen Sprachen einfach Spass gemacht?

Enzo Santarsiero: Ich bin zweisprachig aufgewachsen. Französisch lag mir aus dem italienischen, und englisch war Bedingung für den «Managing Director» eines internationalen Unternehmens. Da musste ich schon intensiv meine Englischkenntnisse aufbessern. Das holte ich mit diversen Sprachaufenthalten nach.

 

Kehren wir zum beruflichen Lebenslauf zurück. 2005 folgte Ihr Wechsel nach Wetzikon zur Akzo Nobel Car Refinishes. Wie kam das zustande?

Enzo Santarsiero: Nach der Ära «Graf Lack» war ich ein paar Jahre als Direktor bei einem führenden Schweizer Anbieter von Fahrzeugteilen tätig. Jedoch zog mich die Carrosseriebranche immer wieder an. Und so kam es, dass mir im Zuge des Verkaufs der Graf Lack AG an die Akzo Nobel die Geschäftsführung für die Schweiz angeboten wurde. Da konnte ich nicht wiederstehen.

Sie waren dort sieben Jahre lang als Geschäftsführer und Verkaufsdirektor tätig. Traumjob oder knochenharte Erfahrung?

Enzo Santarsiero: Es war ein Traumjob mit grosser Verantwortung. Ich konnte meine Pläne und Ideen umsetzen. Akzo Nobel überlies mir den nötigen Spielraum, was sich auch als Erfolg abzeichnete. Ich bekam später auch die Länderverantwortung von «Akzo Nobel Car Refinishes» Österreich. Dieses Doppelmandat führte ich erfolgreich mehrere Jahre lang. Der Wunsch, selbst Unternehmer zu werden, wuchs jedoch immer mehr.

 

2013 gingen Sie zur André Koch AG, wurden Mitinhaber und somit erstmals auch Unternehmer. Wie kam das zustande?

Enzo Santarsiero: Bevor ich bei André Koch als Mitinhaber mit Florian Stähli einstieg, hatte ich bei Akzo Nobel die Verantwortung für Österreich abgegeben und meine Nachfolge für die Schweiz mit der Anstellung von Giuseppe Ciappa vorbereitet. Die Reise ging für mich nun weiter.

 

Vorerst mit Ihrer damaligen «Sirion Consulting GmbH», die K&L-Betriebe der AMAG AG in verschiedenen Belangen beraten hat.

Enzo Santarsiero: Das ist richtig. Der grössten Herausforderung konnte ich dennoch nicht widerstehen, und kurz darauf entschied ich mich, bei der André Koch AG als Mitinhaber einzusteigen. Es war Florian Stähli, der das Ganze attraktiv gestaltete, um mich zu gewinnen. Dafür bin ich ihm heute sehr dankbar.

 

Hatten Sie damals das Gefühl, einen Traum verwirklicht zu haben? Am Höhepunkt Ihrer beruflichen Laufbahn angekommen zu sein?

Enzo Santarsiero: Nein, die Reise zum Unternehmer war gestartet, aber ich wusste, dass der Weg aus viel Einsatz, Tops und Flops bestehen und viel Herzblut fordern würde. Diese Entscheidung traf ich gemeinsam mit meiner Frau. Ohne einen starken Ehepartner an der Seite ist alles viel schwieriger. Als Unternehmer muss man vielen Herausforderungen gewachsen sein und die Bereitschaft haben, Verantwortung zu übernehmen.

 

2017 mussten Sie einen beruflichen Dämpfer hinnehmen. Sie wollten damals die zum Verkauf stehende «CH Coatings» übernehmen, doch die Eigentümer gaben Axalta den Vorzug. Hat Sie das geärgert?

Enzo Santarsiero: Das sehe ich heute nicht als Dämpfer, ganz im Gegenteil. Axalta ist ein Top-Lacklieferant und Partner, und ich verstehe ihre damalige Entscheidung heute sehr gut. Das gab jedoch auch uns die Möglichkeit, weitere Lackmarken aufzunehmen. Dies war von Beginn weg unser Wunsch, die Firma auf mehreren Standbeinen aufzustellen. Denn neben unserer Hauptmarke Standox, die wir seit über 65 Jahren importieren, kamen mit DeBeer von Sherwin Williams und Lesonal von Akzo Nobel zwei tolle Marken dazu. Heute sind wir bestens aufgestellt und für die Zukunft gut gewappnet.

 

Apropos Zukunft: Wo stehen Enzo Santarsiero und die André Koch AG in zehn Jahren?

Enzo Santarsiero: Uups . . . , zehn Jahre? Das weiss ich nicht. Das ist eine lange Zeit und sehr schwierig vorauszusagen. Wie schnell sich innert Wochen alles verändern kann, zeigt die aktuelle Marktsituation mit dem Covid -19. Was ich jedoch heute schon verraten kann: Ich bereite mich intensiv auf die dritte Phase des Lebens vor und gebe das Ruder schrittweise in andere Hände. Vieles geht oft schneller als man meint.

 

Wir kommen bereits zur Schlussfrage: Wenn Sie einem Schulabgänger oder einer Schulabgängerin erklären müssten, warum er oder sie einen Beruf in der Carrosseriebranche wählen soll, was würden Sie sagen?

Enzo Santarsiero: Ich würde ihr oder ihm sagen: Mach diese tolle Lehre mit Leidenschaft. Und bilde dich danach stetig weiter. Die Branche braucht jetzt und erst recht in Zukunft Top-Leute. Ich garantiere, dass dir eine erfolgreiche und spannende berufliche Zukunft bevorsteht.